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Maya

Maya Posch, 28, ist intersexuell. Bis 2005 hielt sie sich für einen Mann, hatte dann aber ihr Coming-Out als Hermaphrodit und definiert sich seitdem als intersexuelle Frau. Ihr Körper hat vor allem weibliche Charakteristika, allerdings mit männlichen Geschlechtsorganen, so dass sie zunächst als Junge klassifiziert wurde. In Untersuchungen wurde vergangenes Jahr festgestellt, dass sie auch weibliche Geschlechtsorgane besitzt. Maya arbeitet in den Niederlanden, ihrem Geburtsland, als Software-Programmiererin. Mehr Informationen findet man auf Mayas Website: www.mayaposch.com

Sind Sie krank?

Physisch nicht, wobei ich einige Traumata dank meiner Behandlung durch dieses Land habe, unter anderem ein post-traumatisches Stress-Syndrom. Aber ansonsten sehe ich mich als normal. Da ist nichts verkehrt mit mir.

Wie hat Sie Ihr Land behandelt?

Das Problem ist, dass Intersexualität in den Niederlanden nicht als gesundheitlicher Zustand anerkannt ist, sondern unter “Störung der sexuellen Entwicklung“ läuft. Es wird als Geburtsdefekt gesehen, der korrigiert werden muss. Der Fokus liegt also auf Operation und Therapie, um eine intersexuelle Person zu einem “normalen“ Mann oder einer “normalen“ Frau zu machen. Auch ich wurde in Richtung OP genötigt, ohne dass meine Intersexualität diagnostiziert wurde – den niederländischen Vorschriften nach eine korrekte Behandlung.

Für Sie aber nicht?

Ich wollte einfach nur wissen, wie mein Körper jetzt gerade aussieht, woraus er besteht. Aber bei allen Beratungen, die ich besuchte, fragte man mich: Sie wollen jetzt eine Frau werden, nicht wahr? Es gab nur die Auswahl zwischen männlich bleiben oder per Operation zu einer normalen Frau zu werden.

Wann war das?

Das war Anfang 2005. Bis dahin dachte ich immer, ich bin ein Mann – bis ich mich selbst angeschaut habe und mir auffiel, dass ich gar nicht den Körper eines Mannes habe. Daraufhin habe ich mich informiert. Und mir fiel auch auf, dass ich mich auch in der Kindheit nie entschieden hatte, ein Junge oder ein Mädchen zu sein. Normalerweise machen Kinder das so mit 6. Also ging ich ins Krankenhaus, um mich untersuchen zu lassen, mehr zu erfahren und dann eine eigene Entscheidung zu treffen.

Hatten Sie vorher jemals Zweifel, dass Sie anders sind als die Gesellschaft es von Ihnen erwartet?

Ich hatte Zweifel, aber ich dachte immer, es wäre meine Begabung, die mich anders macht. Meine Mutter und meine Familie zweifelten auch, aber das sagten sie mir erst hinterher. Ich meine, ich habe vorher nie Frauenkleider angezogen – wobei ich mich erinnere, dass ich die weibliche Rolle mehr mochte und es gut fand, wenn mich jemand für ein Mädchen hielt.

Was macht Sie intersexuell?

Während einer Untersuchung in Deutschland letztes Jahr kam heraus, dass ich eine Vagina zusätzlich zu meinem Penis habe. Also habe ich eigentlich weibliche und männliche Fortpflanzungsorgane, auch wenn keines voll entwickelt ist. Das bestätigt frühere Kernspintomographie-Untersuchungen von zwei Kliniken in Deutschland. In den Niederlanden wurde das immer abgestritten.

Haben Sie sich vor der Operation in Deutschland als transsexuell gesehen?

Nein, nur in den ersten Tagen dachte ich das, als ich herausgefunden hatte, dass ich eine weibliche Rolle mehr als eine männliche haben wollte. Da wusste ich noch nicht mal, dass es Intersexualität überhaupt gibt. Aber dann habe ich mich ziemlich schnell als Intersex und Hermaphrodit definiert.

Was genau wurde in der OP herausgefunden?

Teil dieser Operation war die Entfernung und Gewebeuntersuchung von dem, was sich als unterentwickelte Hoden entpuppte. Außerdem wurde nach einer versteckten Vagina gesucht, und diese dann auch gefunden.

Wie reagieren die Leute, wenn Sie es ihnen erzählen?

Überrascht meistens. Sie erwarten das nicht, weil ich wie eine attraktive, aber sonst eher unauffällige Frau aussehe. Aber dann ist die Reaktion meistens positiv. Nur ein paarmal kam etwas Komisches, meistens von extrem christlichen Leuten. Ein Arzt weigerte sich, mich weiter zu behandeln.

Wo bekommen Sie Unterstützung?

Eher zufällig von Bekannten, Freunden und anderen. Es gibt kein Unterstützungsnetzwerk für Intersexuelle. Und meine Familie kann das auch nicht auffangen. Mit meinem Vater habe ich keinen Kontakt mehr, und meine Mutter ist ausgebrannt von sieben Jahre des Kämpfens und Sorgens.

Und andere Intersexuelle?

Ein paar Kontakte habe ich, auch durch Artikel, die über mich veröffentlicht werden. Grundsätzlich sind die meisten intersexuellen Leute, die ich kennenlerne, allerdings so traumatisiert, dass sie nicht darüber reden wollen. Es ist eine schlimme Erfahrung für uns alle.

Welche Unterstützung würden Sie sich erhoffen?

Ich will vor allem von den Ärzten ernst genommen und als Mensch behandelt werden. Sie haben mich psychologisch beschädigt, indem sie mich mit einer Geschlechtsangleichung zu einer “normalen“ Frau machen wollten. Davon werde ich mich nie wieder erholen. Intersexualität sollte anerkannt und nicht mehr als “falsch“ gesehen werden. Jetzt gerade will ich woanders leben, wo ich sicher bin, außerhalb der Niederlande, und dort medizinische Hilfe bekommen, die ich brauche, um mein Leben wieder aufzubauen. Ich habe nur wenig Zeit zum Leben gehabt in den letzten sieben Jahren, die ich damit zubrachte, mit den Krankenhäusern zu kämpfen.

Wo wollen Sie leben? Und welche medizinische Hilfe brauchen Sie noch?

Gerade bewerbe ich mich bei Google Deutschland um einen Job. Dort würde ich erstmal hinziehen. Und dann vielleicht USA oder Kanada oder irgendwo in Asien. Medizinisch brauche ich noch eine ins Detail gehende Untersuchung meiner nicht voll entwickelten Vagina, um zu erfahren, ob damit noch etwas passieren kann. Das ist der letzte Teil meines Körpers, bei dem ich noch etwas tun will. Und darüber hinaus brauche ich Therapie für meine Traumata.

Wie wichtig ist es für Sie, als Frau rüberzukommen?

Ich nenne mich intersexuelle oder hermaphroditische Frau, also ist das ziemlich wichtig. Intersex zu sein ist so sehr Teil von mir wie Frau zu sein. Ich will mir nie etwas aus dem Körper schneiden lassen, damit Leute denken, ich sei nicht intersex. Ich schäme mich nicht für meinen Körper, so wie er ist.

Das war sicher nicht immer so...

Es hat definitiv ein paar Jahre gedauert, bis ich für mich festgestellt hatte, womit ich glücklich werde. 21 Jahre lang wurde ich dazu gebracht, mich für einen Jungen zu halten, ich hatte keine intersexuellen Menschen als Beispiel. Das ist einer der Gründe, warum ich zu den Medien gegangen bin und meine Geschichte erzähle. Ich will dieses Beispiel sein, dem andere Intersexuelle und ihre Eltern folgen können. Am Ende habe ich aber entschieden, dass ich die einzige Person bin, die wissen kann, was mich glücklich macht – was meine Umgebung denkt, ist da irrelevant.

Was ist so falsch daran, Kindern im Zweifelsfall ein Geschlecht zuzuweisen? Erspart man ihnen so nicht die Unsicherheit als Erwachsene?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Ich kenne viele Opfer von Operationen an den Geschlechtsorganen. Das ist das schlimmste für ein intersexuelles Kind, ihm diese Entscheidung abzunehmen, bevor es alt genug ist, das selbst zu entscheiden. Viele der so genannten Transsexuellen sind in Wahrheit fehlgeschlagene Operationen. Das ist eines der schmutzigen Geheimnisse der medizinischen Welt.

Wie wünschen Sie sich, dass mit Ihnen umgegangen wird?

Ich will einfach als das behandelt werden, was ich bin: ein Mensch. Mit mir ist nichts falsch, ich bin weder krank noch behindert. Aber mir wird suggeriert, dass es so ist. Dabei ist Diversität normal und sollte die Regel sein, nicht die Ausnahme.

Welche positiven Dinge ziehen Sie aus Ihrer Intersexualität?

Ich habe viel gelernt und bin heute ein stärkerer Mensch. Ich habe vor allem verstanden, dass Geschlecht ein Spektrum ist, keine zwei unterschiedlichen Extreme. Ich habe auch gelernt, wie man anderen Leuten etwas erklärt, und dass Bildung und Information eine Situation schnell ändern, nicht nur für Intersexuelle, sondern auch für andere, die “anders“ sind. Am Ende sind Ignoranz und Dogma die größten Feinde der Menschheit. (Das Interview führte Malte Göbel)

Wir weisen darauf hin, dass bei Einzelinterviews naturgemäß immer nur subjektive Meinungen und (politische) Positionen wiedergegeben werden können. Die interviewten Personen sprechen demnach nicht für die Gesamtheit aller Personen, die unter den gleichen Diagnoseschlüssel fallen.

Darüber hinaus bitten wir zu berücksichtigen, dass einzelne Meinungen und Positionen nicht zwangsläufig identisch sein müssen mit Meinungen und Positionen der Naturfreundejugend Deutschlands.