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Danny

Danny Canal ist 24 Jahre alt und studiert in Hamburg Gebärdensprachen und Politikwissenschaften. Er wurde in Eckernförde geboren und ist seit seiner Geburt taub. Deutsche Gebärdensprache ist seine Muttersprache, Deutsch in Schriftform bezeichnet er als seine erste Fremdsprache. Er engagiert sich ehrenamtlich als 1. Vorsitzender beim Verein Nordlicht (Hamburger Gehörlosen Jugendclub, www.jc-nordlicht.de), arbeitet in der Fachschaft in der Uni für Gebärdensprachen und ist aktiver Student in der iDeas Hamburg. Außerdem arbeitet er als Finanzrevisor für die Deutsche Gehörlosen Jugend e.V. und engagiert sich in der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Bist du krank?

Ich bin nicht krank und auch gar nicht behindert, ich werde nur von der Gesellschaft behindert oder krank eingestuft oder bezeichnet. Ich bekomme Barrieren von der Gesellschaft, besser gesagt.

Was für Barrieren sind das? Wo stuft Dich die Gesellschaft als krank ein?

Die Barrieren sind hauptsächlich Kommunikation und Informationsvermittlung, also etwas wie Untertitel und visuelle Informationsquellen. In der Gesellschaft werde ich im Sozialbereich, also beim Sozialamt oder Eingliederungsamt, als krank eingestuft, weil ich „schwerbehindert" bin, also nicht normal. In der medizinischen Vorsorge gibt es aktuell fast nur einseitige Empfehlungen von Ärzten, dass Implantate helfen. Es fehlt an Informationsvielfalt, wie zum Beispiel Gebärdensprache und ihre Kulturvermittlung - die Eltern können dann für eins oder einen Mischform als freie Entscheidung treffen. In der Kommunikation sind sich die "Normalos" nicht bewusst, dass wir eine eigene vollwertige Sprache haben, die seit 2002 anerkannt ist. Sie können auch nicht spontan reagieren, zum Beispiel sich entschuldigen oder einen Stift und Papier benutzen. Immer muss ich oder jemand, der "betroffen" ist, da Aufklärung machen. Bei Blinden oder Leuten im Rollstuhl ist das viel selbstverständlicher.

Wann ist dir so eine Situation das letzte Mal passiert?

Dieses Problem ist banal, das passiert mir ständig im Alltag. Leider.

Auf welche Vorurteile stößt du als Tauber?

Das schlimmste Vorurteil ist: taub = dumm. Die meisten denken, dass ich nicht selbstbewusst sein kann und Hilfe brauche. Das ist wie eine "Volkskrankheit" und überhaupt nicht hilfreich. Ebenso die automatische Bezeichnung als „taubstumm“, das kotzt mich an. Manchmal auch im Bezug auf Gebärdensprache, dass das eine Zeichensprache ist oder manchmal sogar „Affensprache“.

Affensprache? Wie bescheuert.

Ja, es gibt immer Leute, die einfach nicht lernen können... für mich ist diese Gruppe "behindert".

Gibt es Situationen im Alltag, wo Du Hilfe brauchst?

Ich bin visuell aufgewachsen, nehme also alles mit Augen wahr und muss Informationen zum Beispiel in Untertitel oder Internet beschaffen. Im Alltag brauche ich Gebärdensprachdolmetscher, für mein Studium zum Beispiel, sie übersetzen die Kommunikation. Es gibt auch Schriftdolmetscher oder andere Hilfen, aber sie sind nicht alltäglich. Ich bin dank meiner Eltern und einem tollen Schulversuch sehr selbstbewusst und kann machen, was ich möchte, zum Beispiel von Unwissenden einen Stift und Papier einfordern. Gebärdensprachdolmetscher werden im sozialen Bereich vom Arbeitsamt oder der Eingliederungshilfe übernommen, im medizinischen Bereich von den Krankenkassen. aber nicht im privaten Bereich, das ist blöd für mich.

Wie ist das für dich, wenn die Krankenkassen dich als "krank" einstufen? Ist das Voraussetzung, um die Dolmetscher zu bekommen?

Das machen sie gar nicht mehr. Das war früher so, da wurden die Behinderten als krank eingestuft und haben Hilfe bekommen – heute ist das nach dem Konzept der Inklusion andersrum: Menschen mit Barrieren fordern Hilfen. Sie werden also nicht bevormundet, sondern entscheiden selbst. Hilfsmittel wie Blitzanlagen sind in der Pflegeausgleichsliste vermerkt, werden also übernommen. Blitzanlagen zeigen akutische Signale in visuellen Zeichen, also Wecker, Türklingeln, Babyschreie, Personenruf... - ein Umwandler des Brandmelders wird nicht übernommen, was ich als unfair sehe, weil es gegen die UN-Konvention zur Inklusion verstößt.

Wie wirst Du noch im Alltag behindert?

Für mich persönlich wäre das Leben barrierefrei, wenn es auf allen TV-Programm zu 100 Prozent Untertitel gäbe, gebärdenkompenten Service oder Bereitstellung von Gebärdensprachdolmetschern, visuelle Informatiosquellen wie am Bahnhof (Verspätung oder andere Infos) in Gebärdensprache und Textform. Und im Fernsehen bei Livesendungen Dolmetscher. Deutschland ist dabei ziemlich weit hinten, weit hinter England, Japan, Saudi-Arabien oder USA und sogar manche Entwicklungsländern. Dort gibt es viel mehr Untertitel und Dolmetscher im Fernsehen.

Und Hörgeschädigte fallen auch weniger auf als Blinde oder Leute im Rollstuhl ...

Ja, hörgeschädigte Personen sind unauffällig, aber die Gruppe ist groß. Gebärdensprache ist nur auffällig, wenn man sich unterhält. Vorher sind wir wie die anderen, aber wir hören nicht.

Ist das gut oder schlecht, so unauffällig zu sein?

Mal gut, mal schlecht. Es nervt mich aber, wenn sie bemerken, dass ich nicht hören kann, und ihr Verhalten ändern – wegen Vorurteilen. Deswegen sage ich immer irgendwie, dass ich nicht hören kann, oder dass ich taub bin. Damit zeige ich auch, dass es mir gut geht. Wichtig ist mir ein normaler alltäglicher Umgang und nicht Fürsorge oder Mitleid.

Wie wünschst Du Dir, dass die Leute mit Dir umgehen?

Sie sollen einfach umgehen wie sonst auch, taube Leute sprechen nur in einer anderen Sprache, die Gebärdensprache. Man kann mit ihnen durch Gebärdensprache, Mimik/Körpersprache oder schriftlich kommunizieren. Toleranz, offene Einstellung, Bereitschaft sind die Schlüsselbegriffe

Es gibt mittlerweile Implantate („Cochlea-Implantat“=CI), die ein bisschen Hörfähigkeit schaffen. Was hältst Du davon?

Dies ist eine große Diskussion. Ich persönlich habe nichts gegen CIs, wenn die Leute parallel auch Gebärdensprache lernen und auch verwenden können. Gebärdensprache ist universell, also auch für hörende Menschen verständlich. Bei Kindern im frühen Alter bin ich jedoch dagegen, da es gegen ihre Willen geschieht. Die Eltern können die Entscheidung des Kindes einfach nicht vorwegnehmen, also sollen die CI später eingesetzt werden. Manche Leute sehen das auch anders. Das CI kommt auch nicht für alle in Frage, dazu müssen die Haare in der Schnecke im Ohr noch funktionieren. Und es ist ein langer Prozess, bis man sprechen kann, es klappt nicht immer. Im Vergleich ist Gebärdensprache einfach und kostet nichts. Wer beides kann, ist im Vorteil. Und die Frage ist: Sollen die Hörenden sich uns anpassen oder wir Gehörlosen denen?

Wie ist Deine Antwort?

Kinder können vielleicht durch frühes Training besser angepasst werden an die "normale" Welt, aber für mich ist die normale Welt das Taubsein. Wenn eine Person meint, dass das CI ihr vollständig hilft, dann soll sie das machen. Wichtig ist nur, sie können DGS (Deutsche Gebärdensprache) wenn die Technik mal ausfällt oder es andere Schwierigkeiten gibt. Für mich persönlich kommt das CI nicht in Frage.

Warum nicht?

Weil ich so bin, wie ich geboren bin. Ich lebe gut in der Gesellschaft, so wie ich empfinde. Ich habe eine eigene Sprache, eigene Kultur und Gesellschaft, der ich mich zugehörig fühle. Musik kann ich fühlen - das fragen die meisten Leute, ob ich Musik vermisse. Ich kenne Musik nur so wie es ist, ich kenne nicht Vogelgesang oder bestimmte Musik. Ich vermisse da also nichts.

Sind Implantate eine Gefahr für Gehörlosen-Kultur?

Es gibt Personen, die meinen, dass da Gefahr besteht. Aber Kultur ist flexibel und dynamisch, da ist immer Bewegung drin, es ist ein natürlicher Prozess. So nenne ich das mit Absicht, „natürlich“: Ich bin strikt gegen Genmanipulation oder "Traumkinder“, die im Labor gemacht werden. Das löscht eine Sprachminderheit bzw. eine kleine Gruppe aus. Man soll die Menschen einfach lassen, wie sie sind, man kann Hilfsmittel wie das Implantat verwenden, aber ein Muss soll es nicht sein. (Das Interview führte Malte Göbel)

Wir weisen darauf hin, dass bei Einzelinterviews naturgemäß immer nur subjektive Meinungen und (politische) Positionen wiedergegeben werden können. Die interviewten Personen sprechen demnach nicht für die Gesamtheit aller Personen, die unter den gleichen Diagnoseschlüssel fallen.

Darüber hinaus bitten wir zu berücksichtigen, dass einzelne Meinungen und Positionen nicht zwangsläufig identisch sein müssen mit Meinungen und Positionen der Naturfreundejugend Deutschlands.